Autor: 
Dewey, Niklas
Jahr: 
2016
Preis: 
0,00€

Masterarbeit, Fachbereich Geographie, 116 Seiten, dt.

Zusammenfassung:

Wenn die letzte Zeche 2018 im Ruhrgebiet schließt, sind die Jahre des Steinkohlebergbaus in Deutschland Geschichte. Doch noch immer wird auch hierzulande Steinkohle verstromt. Die Untersuchung des südafrikanischen Kohlesektors bietet die Möglichkeit, die Förderung von Steinkohle in einem Land zu untersuchen, in dem Kohle nicht Geschichte ist, sondern bis in die nahe Zukunft reichen wird und zeigt auf, dass auch Deutschland an dieser Entwicklung beteiligt ist. Südafrika verfügt über reiche Steinkohlelagerstätten, die vor allem in der Provinz Mpumalanga verteilt sind und in geringen Tiefen anstehen (Eberhard 2011: 2f). Deshalb können die Kohlefelder zu 50 Prozent im ökonomischen Tagebau erschlossen werden, wodurch große jährliche Fördermengen möglich sind.

Südafrika belegte 2014 den siebten Platz der größten Kohleproduzenten weltweit (Creamer Media 2015: 7). Etwa 30 Prozent der gesamten Fördermenge werden vor allem über den Hafen Richards Bay Coal Terminal in die ganze Welt exportiert, wobei Europa (29%) hinter Asien (53%) der größte Importeur südafrikanischer Kohle ist (SACM, Creamer Media 2015: 25). Für den Export wird nur die hochwertigste Kohle verwendet. In Deutschland machte 2015 südafrikanische Steinkohle einen Anteil von 6,5 Prozent (3,65 Mt) der gesamten Steinkohleimporte aus (MISEREOR 2016: 63). Der Kohlesektor bietet rund 90.000 Menschen Arbeit (SACM 2013/14). Das Kohleunternehmen Anglo American beschäftigt alleine rund 27.000 Arbeitskräfte (ROWLAND 2016). Neben dem Kohlesektor schafft auch die Kohlelogistik viele Arbeitsplätze. Transnet, der staatliche Eisenbahnbetreiber, zählt rund 25.000 Erwerbstätige und Eskom betreibt eine Flotte von 2.000 Kohletrucks, die Kohlekraftwerke beliefern (PRINSLOO 2016). Größter südafrikanischer Kohleabnehmer mit jährlich rund 120Mt Kohle ist der staatliche Energiekonzern Eskom (SOLOMONS 2015). Rund 90 Prozent des Stroms werden aus Steinkohle erzeugt (MISEREOR 2016: 20). Der wachsende Energiehunger des Landes, bedingt durch die zunehmende Elektrifizierung und Industrialisierung sowie der versäumte Ausbau der Kapazitäten zur Stromerzeugung und deren Wartung führt seit 2007 zu Energieengpässen in Südafrika. Immer wieder musste Eskom Lastenabschaltungen durchführen, um einen Kollaps der Stromversorgung zu verhindern (Friedrich-Ebert-Stiftung 2008: 2). Um die Energiekrise zu überwinden, baut Eskom die zwei neuen Kohlekraftwerke Kusile und Medupi, die bei Fertigstellung zu den größten der Welt gehören werden. Matshela Koko, Geschäftsführer von Eskom, bezeichnet die Kohle als lifeblood, zu Deutsch Lebensnerv, der südafrikanischen Wirtschaft wegen der herausragenden Bedeutung für die Stromerzeugung. Um die Kraftwerke zu versorgen, sind außerdem weitere Megamines mit jährlichen Fördermenge über 10 Mt geplant (Creamer Media 2015: 21f).

Eine Abwendung von der Steinkohle erscheint laut Experten für die nächsten 20 bis 30 Jahre unwahrscheinlich (MISEREOR 2016: 20). Dabei sind die Folgen der Kohleförderung in den Abbauregionen bereits deutlich zu spüren. Große ökologische Probleme stellen saure Grubenabwasser dar, die Boden, Grundwasser und Flüsse mit toxischen Schwermetallen kontaminieren. Problematisch ist ebenfalls die Luftbelastung durch Kohlestaub und Emissionen der Kohlekraftwerke. Die heutigen ökologischen Probleme sind zum einen bedingt durch die Ewigkeitslasten des historischen Kohlebergbaus in Südafrika, der Ende des 19. Jahrhunderts begann, und Resultat des heutigen hochmechanisierten Abbaus. Dabei wirken sich die ökologischen Folgen unmittelbar auf die Lebenssituation der Menschen aus. Davon sind vor allem Menschen in informellen Siedlungen betroffen, die keinen Zugang zu sauberem Wasser und Elektrizität haben. Die Nutzung des kontaminierten Wassers kann zu Organschäden und Hautreizungen führen (MISEREOR 2016). Die Lebensgrundlagen vor Ort haben sich dramatisch verändert. Die degradierte Bodenqualität erschwert landwirtschaftliche Nutzung massiv. In Erträgen der Land- und Viehwirtschaft reichern sich Schwermetalle an, die über die Nahrungskette bis zum Menschen gelangen. Darüber hinaus werden viele Minen nicht rekultiviert, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist. Ungesicherte und instabile Schächte sowie unterirdische Flözbrände stellen erhebliche Risiken für die Anwohner von Minenregionen dar. Mitglieder des South African Green Revolutionary Council, eine Organisation, die sich für ein Ende des Kohlebergbaus in Südafrika einsetzt, berichtet, dass immer wieder Menschen durch einstürzende Schächte verschüttet werden und sich Kinder auf dem glühenden Untergrund Verbrennungen zuziehen. Die Hoffnung der lokalen Bevölkerung auf Arbeit im Kohlesektor wird vielfach enttäuscht, da viele Unternehmen zu hohe Bildungsanforderungen und Gesundheitsstandards an ihre Arbeitskräfte haben. Berufliche Perspektivlosigkeit zwingt einige Frauen in die Prostitution, was ein Grund für die erhöhte HIV/AIDS Rate in Malahleni ist (MISEREOR 2016). Ein Ausbau des Kohlesektors droht die gravierenden Lebensumstände weiterhin zu verschlechtern und grundlegende Menschenrechte zunehmend zu verletzen (MISEREOR 2016).