Autor: 
Katja Maurer, Andrea Pollmeier
Jahr: 
2020
ISBN: 
9783955582760
Preis: 
19,90€

Neue Publikation über Haiti und die Folgen internationaler Hilfe

Von Dr. Ursula Grünenwald

Die beiden Autorinnen und Herausgeberinnen, Katja Maurer und Andrea Pollmeier, versammeln in „Haitianische Renaissance. Der lange Kampf um postkoloniale Emanzipation“ eine beeindruckende Vielfalt haitianischer und internationaler Stimmen. Vertreter*innen aus dem Kulturbereich, Aktivist*innen, Diplomat*innen und Wissenschaftler*innen kommen zu Wort und lassen ein differenziertes Bild des karibischen Inselstaates entstehen, von dem in der bundesdeutschen Öffentlichkeit meist nur in Zusammenhang mit Katastrophen, Armut und Gewalt die Rede ist. Zugleich setzt das Buch wichtige, kritische Akzente in der Debatte um humanitäre Hilfe, deren häufig negativen Auswirkungen am Beispiel Haitis diskutiert werden.

Dem Buch wird der Satz „Jede Idee von einer postkolonialen Ordnung nimmt in Haiti ihren Ausgangspunkt“ vorangestellt und damit ein kühner Rahmen für die nachfolgenden Beiträge entworfen. Der Satz nimmt Bezug auf die haitianische Revolution von 1804, die die Werte der französischen Revolution von 1789 radikal und für alle Menschen Wirklichkeit werden lassen wollte. Einer der wichtigsten europäischen Philosophen, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, hat sich für sein berühmtes Kapitel „Herrschaft und Knechtschaft“ in der „Phänomenologie des Geistes“ von 1807 von den Geschehnissen der haitianischen Revolution inspirieren lassen.

Angesprochen auf ihre Aussage, Haiti habe eine besondere Rolle in der Welt, antwortet die Port-au-Prince geborene Schriftstellerin Yanick Lahens im Interview mit Andrea Pollmeier, dass der Karibikstaat aufgrund seiner besonderen Geschichte dazu beitragen könne, die Ideen der französischen Revolution voranzutreiben. „Auch wenn die Amerikanische Revolution die Rechte des Individuums voranbrachte, blieb die Sklaverei in diesem Teil der Welt dennoch bestehen. Und auch wenn die Französische Revolution die Bürger- und Menschenrechte vorangebracht hat, so war es Frankreich, das die Kolonisierung über weite Teile der Welt mit verbreitet hat.“ Erst die haitianische Revolution habe radikal die Frage nach Gleichheit gestellt, so Lahens. Entschieden wendet sich die Schriftstellerin gegen die durch die Medien betriebene „Exotisierung von Unglück“, denn auch Armutsverhältnisse hätten eine Geschichte. Lahens weist darauf hin, dass es für die junge haitianische Republik eine enorme Bürde bedeutete, nach der erkämpften Unabhängigkeit Entschädigungsleistungen an den ehemaligen Kolonialherren Frankreich zahlen zu müssen. Eine nüchterne Replik auf Lahens Ideal der Revolution formuliert der Schriftsteller Gary Viktor. Er erinnert nachdrücklich an die fatale Allianz, zu der sich lokale französische Kolonialherren und kreolische Plantagenbesitzer während der Revolution zusammenschlossen. Sie hätten eine zutiefst rassistisch geprägte Gesellschaft geschaffen. Auch der Begriff der Negritude, ursprünglich das identitätsstiftende Motto des frankophonen Antikolonialismus, sei von Diktator François Duvalier missbraucht worden, um die Besonderheiten Haitis zu rechtfertigen und Einmischung von außen zu unterbinden. Immer noch, so Viktor, spiele die Hautfarbe eine wesentliche Rolle dafür, ob jemand in der gesellschaftlichen Hierarchie aufsteigen könne.

Über die komplexen internationalen Beziehungen, die das Geschehen in Haiti bestimmen, informiert der Beitrag von Aïda Roumer. Sie vermittelt ein kenntnisreiches Bild insbesondere des bilateralen Verhältnisses zur Dominikanischen Republik und benennt die Gründe für das enorme ökonomische Gefälle zwischen den Nachbarstaaten.

Die Radikalität und Ungeduld in der Rede von Raoul Peck, einem renommierten haitianische Filmemacher, machen deutlich, dass die Unerträglichkeit der Lebensverhältnisse vieler Menschen in der Karibik und weltweit auf umgehende Veränderung drängt: „Wenn wir diese Welt als Boot sehen“, so Peck, „dann verschwenden wir nicht mehr unsere Zeit, um die Menschen in der Ersten Klasse zu kritisieren, während wir magere Sandwiches an die Dritte Klasse verteilen. Wir wissen, dass dieses Boot den Namen Titanic trägt. Heute haben unsere Länder nicht mehr die Zeit und vor allen Dingen haben sie nicht mehr die Geduld.“

Manche Beiträge würde man sich umfangreicher wünschen, da sie äußerst interessante Einblicke gewähren. Doch spricht das keinesfalls gegen das Buch. Im Gegenteil: Es wird deutlich, wie wichtig entwicklungspolitische Berichte aus der Nahsicht sind. Hier scheint die Handschrift der Frankfurter Hilfsorganisation medico international durch, die auch den Druck des Buches gefördert hat. Die Arbeit von medico zeichnet sich von jeher dadurch aus, dass sie die Unterstützung von Projektpartner*innen im Globalen Süden mit einer kritischen Öffentlichkeitsarbeit hierzulande verbindet. Deshalb sieht man beim Lesen auch gerne darüber hinweg, dass manche Aussagen etwas zu grundsätzlich geraten oder sich wiederholen, etwa wenn es um das Geschäft mit der internationalen Hilfe oder die Abschaffung der UNO geht.

Die abschließenden Sätze von Andrea Pollmeier laden zu einer differenzierten und vertieften Auseinandersetzung mit Haiti und seinen Einwohner*innen ein. Die Autorin benennt die ökonomischen und politischen Herausforderungen des Landes, aber auch das kulturelle Potenzial und Engagement der Menschen: „Gegen diese Widrigkeiten kämpfen die Menschen in Haiti an. Sie tun dies immer bewusster mit der Überzeugung, dass sie ihr eigenes Wohl nur auf der Grundlage der kreolischen Kultur und Lebensweise erreichen können. Diese von den Bauern des Landes entwickelte Kultur ist als Gegenbewegung zur kolonialen Macht entstanden. Sie basiert auf der kreolischen Sprache, dem Voodoo und eigene Ritualen.“ Wenn man diese fundamentalen Gegebenheiten nicht verstehe, so Pollmeier dabei Lahens zitierend, könne man Haiti nicht begreifen.

Das Buch legt die Einsicht nahe, dass es an der Zeit ist, über den Begriff des Globalen Südens hinauszudenken und den Mikrogeschichten Raum zu geben, die zeigen, was für widerständige Alltagskulturen es weltweit gibt. Es braucht Narrative, die daran erinnern, wie eng die Geschichte Europas mit der anderer Länder verflochten ist. „Haitianische Renaissance“ schafft einen unerwarteten Fluchtpunkt: Es lädt dazu ein, Europa und seine Werte von Haiti aus neu zu denken.

Brandes und Apsel, Frankfurt am Main 2020, http://www.brandes-apsel-verlag.de/cgibib/germinal_shop.exe/VOLL?titel_id=8358276&titel_nummer=8358276&backpage=brap_kurzliste.html&verlag=83&caller=brap&session_id=A955056F-1610-4CB0-AA25-79847BCCBC74